Nichts zu verbergen?

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Ich glaube, wir, die wir bei #StopWatchingUs oder in einem anderen Rahmen gegen Überwachung und für den Erhalt beziehungsweise die Wiederherstellung unserer Privatsphäre aktiv sind, kennen das alle. Wenn wir mit Menschen über das Thema sprechen, bekommen wir oft zu hören

„Das betrifft mich nicht. Ich habe ja nichts zu verbergen.“

Oft fällt noch das Argument, dass das ja nur die beträfe, die Böses täten und somit etwas zu verbergen hätten.

Sicherlich geht es nicht mir allein so, wenn ich sage, dass mich diese Einstellung jedesmal betroffen, ja sogar wütend macht. Wir wissen, dass das falsch ist und dass jeder Mensch etwas zu verbergen hat, nämlich sein Privatleben. Und wir wissen, dass das ganz legitim ist.

Aber wie sagen wir das den Menschen da draußen, die glauben, sie hätten nichts zu verbergen? Auf prinzipieller Ebene von Grundrechten und Privatsphäre zu sprechen, ist vielleicht für viele zu abstrakt. Ich bin da daher recht radikal. Ich sage denjenigen, die das behaupten, dass sie ja dann sicher kein Problem damit hätten, ihre Krankenakten, ihre Kontoauszüge und eine Liste ihrer letzten Sexualpartner zusammen mit ihrem Namen an die nächste Litfaßsäule zu hängen. Bei den meisten Menschen fängt dann zumindest ein Denkprozess an und sie merken, dass es vielleicht doch ganz legitim ist, Dinge vor anderen verbergen zu wollen. Der Spiegel hat vor einiger Zeit ebenfalls einige sehr gute Argumente aufgelistet, die zeigen, warum das Argument, man habe nichts zu verbergen, ein schlechtes Argument ist.

Ich möchte an dieser Stelle weitere Argumente sammeln und von euch wissen, was ihr den Menschen sagt, wenn sie euch mit dem „nichts zu verbergen“-Argument konfrontieren. Wie reagiert ihr darauf? Was sind eure Gegenargumente? Ich freue mich auf zahlreiche Kommentare.

8 Gedanken zu „Nichts zu verbergen?

  1. Atari-Frosch

    Der @Wurfschuh brachte letztens als möglichen Gesprächseinstieg: „Warum habt Ihr eigentlich Gardinen an den Fenstern?“ Das finde ich sehr gut, denn dabei fällt nicht einmal mehr der auch schon abstrakte Begriff „Daten“, und man muß auch nicht auf konkrete Informationen wie Finanz- und Gesundheitsdaten oder Sexualpartner/-praktiken hinweisen. Das sollte den Angesprochenen dann von alleine dämmern.

    Gruß, Frosch

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    1. Alex Beitragsautor

      Ja, das Argument wird auch im Spiegel-Artikel angesprochen. Ich finde das auch sehr passend. Vielleicht sind generell Offline-Beispiele als Analogie wirksamer?

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  2. Gersh

    Ich gelange immer wieder zur Erkenntnis, dass die ganze Berichterstattung, zu komplex, die ganzen Slogans zu fachspezifisch sind. Klar, das Thema ist komplex, man möchte ja auch richtig informieren. Nur bin ich davon überzeugt, dass für 70, 80, 90% der Bürger, die das Web einfach nur toll und praktisch finden, es wie ein Spaziergang nutzen, das Web eben aus der Dose kommt, a) die Sache technisch nicht verstehen, b) die Sache politisch nicht begreifen, c) die Texte „Böhmsche Dörfer“ sind und schließlich d) überhaupt nicht wissen, dass heutzutage fast alles über jene Datenkabel übertragen wird.
    Demzufolge sind Begriffe, wie Snowden, don’t watching us, Facebook etc. Dinge, die sie (der eigenen Meinung nach) eh nicht betreffen und wenn, dann betrifft es ja nur andere, alles ist ja „ganz weit weg“ oder man kann eh nichts ändern.
    Ich denke, man muss den Menschen Beispiele geben, Gefahren, die sie durchaus auch selber betreffen können und diese dann kurz, prägnant untermauern.
    Das mit den Gardinen zum Beispiel (wobei die Holländer haben keine Gardinen), vielleicht auch mal das Thema der Kinder/Enkel ansprechen. „Möchten Sie, dass Ihr Enkel nicht krankenversichert sein wird?“ … Weil sich die Versicherung bestimmte erhobene (abgefangene) Daten einkauft. „Möchten Sie, dass man die Lebensdaten Ihrer Kinder manipuliert und diese ihren Job verlieren?“ … Weil deren Ansichten nicht politisch konform sind. „Möchten Sie, dass jeder Ihre Krankenakte lesen kann?“ … Weil diese über das Internet übertragen werden. „Finden Sie es angenehm, wenn fremde Menschen Sie als Staatsfeind durchleuchten und Sie davon nichts bemerken?“ … Weil je Verdacht bis zu 1 Mio. Menschen im Umfeld mit erfasst werden.
    Kurz, prägnant, plakativ … wer dann ins Grübeln kommt, wird fragen oder kann man eine informative Website zur Hand geben. Stimmung fängt man über positive Dinge oder Ängste. Lange Infos liest niemand, da wir alle schon übersättigt sind.
    Das ist meine Meinung. Zudem sollte man generell mal untersuchen, wieso diese Anti-ACTA Sache so viel mehr Menschen aktiviert hat, obwohl dieses Thema noch viel spezieller gewesen war.

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    1. Alex Beitragsautor

      Guter Kommentar und gute Argumente. Was ACTA angeht, habe ich mich das auch schon gefragt.Vielleicht auch, weil es da wieder an die Lebenswirklichkeit vieler (Inhalte teilen) ging?

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      1. Gersh

        Sorry, aber wer „teilt Inhalte“, doch nur die bewussten Internetnutzer, die sich damit auskennen. Wenn ich ständig sehe, wie blauäugig Nutzer sozialer Netzwerke, Firmen fremde Inhalte nutzen, verbreiten, dann erscheint es mir eher, dass diese von ACTA, Urheberschutz etc. noch nie etwas gehört haben. Geschweige denn der 0815-User.
        Aber wenn sich damals schon eher die „Internetfreaks“ empört haben, wo sind diese jetzt, denen die jetzige Problematik auch bewußt sein müsste?
        Wo ist die Pressemacht, denen diese Überwachung auch an die Substanz gehen wird, während ACTA (Urheberschutz) eher noch in die Karten gespielt hätte?

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        1. Alex Beitragsautor

          Das mit der Presse ist eine gute Frage. Aber Inhalte teilen sehr viele. Ich meinte damit primär Filesharing. Man muss fast 20 Jahre nach der allgemeinen Zugänglichmachung des Internet in Deutschland eben auch mal sagen: Das ist kein Neuland mehr. Menschen können sich nicht länger darauf ausruhen, dass das für sie neu ist und sie keine Ahnung haben, während sie täglich im Web surfen, E-Mails verschicken, bei Facebook chatten oder bei Youtube Videos ansehen. Und das sind alles Tätigkeiten, die lediglich 0815-User machen. Von weitergehenden Dingen wie dem Betrieb einer eigenen Website will ich gar nicht reden. Sie haben das Netz in ihr Leben integriert. Sich zurückzulehnen und zu sagen, dass einen das alles nichts angeht, ist dann aber eben auch nicht mehr. Wer das Netz nutzen will, muss sich auch damit auseinandersetzen. Das ist ein Lernprozess, der vielleicht auch manchmal anstrengend ist, aber ohne den es nicht geht. Autofahren darf man ja auch nicht ohne Führerschein. Kurz: Ich appelliere auch an die Verantwortung der User.

          Und die „Internetfreaks“, die ich kenne, sind alle bei #StopWatchingUs dabei.

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          1. Gersh

            Jo, zur Internet-Führerschein-Prüfung hätte ich diverse Menschen auch schon gerne verdonnert …

  3. Anonymous

    Gegenfrage : Warum will der Staat vom Einzelnen alles wissen, ist in seinen Belangen aber völlig intransparent?
    Es ist schon schlimm, dass generell so überwacht wird, aber dass die Leute, die das öffentlich machen, völlig unrechtsstaatlich bedroht werden, das hat schon eine ganz neue Qualität. Wenn man von Geheimdienstseite aus nur sagen würde, das müsse zum Schutz sein, und Leute wie Snowden ignorieren würde, dann könnte man die Lethargie noch irgendwie nachvollziehen. Aber dass solche Mächte, von denen wir mal angenommen haben, dass sie für unsere rechtsstaatlichen Werte arbeiten, so mit Kritikern und Insidern umgehen, das erschreckt. Hoffentlich merken sie bald im eigenen Interesse, dass ihnen der Vertrauensverlust schadet.

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